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Latent Utopias, Steirischer Herbst (Graz/A, 2002)

 
   
 
Die meisten der aktuell als »Utopien« gehandelten Zukunftsszenarien kommen ohne Raum aus. Fast scheint es, als sei die Eliminierung des Raumes - neben den Anstrengungen  suggestiver Rhetorik- das gemeinsame »utopische« Moment, das so unterschiedliche Projekte wie die Biowissenschaften, die Nanotechnologie oder die Expansion des Internet miteinander verbindet. Die zukünftige Entwicklung dieser Diszipinen und Technologien wird auffallend oft als Bewegung beschreiben, in der Räume entweder radikal schrumpfen oder unendlich expandieren. (Bemerkenswerterweise scheint auch das Logo von »Latent Utopias« mit seiner dynamischen Signatur diese »dynamische«"Fortschrittsvorstellung illustrieren zu wollen). Neben der Raumflucht macht aber auch das Versprechen permanenter Gleichzeitigkeit, wie sie durch vernetzte Kommunikationsmaschinen hergestellt werden soll, diese Fiktionen so verdächtig, keine Utopien sondern lediglich Ideologien zu artikulieren, da sie die zeitlich-räumlichen Verbindungen zur Gegenwart kappen und sich somit ausserhalb einer zumindest denkbaren historischen Kontinuität und Nachvollziehbarkeit stellt.

Die Frage nach den »Latenten Utopien« zeitgenössischer Architektur beantworten propeller z mit Architektur selbst, die exakt für einen bestimmten Raum und für eine genau festgelegte Dauer entwickelt wurde um Momente des Utopischen manifest zu machen. Präsentiert und zur Benutzung freigegeben wird ein architektonischer Apparat, der aus einem System von negativen, distinkten und unspezifischen Formen aufgebaut ist, deren Verbindungen sowohl die raumbildende Struktur als auch die dazwischen entstehenden Leerräume ergeben.

Die verwendeten Geometrien rekurrieren auf anthropomorphe Grundfiguren und steigern sich in ihrer Komplexität in ihrer Konfigurationen zueinander, wobei sich die einzelnen Module niemals unmittelbar berühren. Formal bildet der Körper die finite Serie von Entscheidungen ab, die zu seiner Entstehung geführt haben und offeriert funktional eine infinite Menge an Wahrnehmungs- und Benutzungsnmöglichkeiten. Diese Raumstudie im Raum der Austellung illustriert somit die jedem Entwurfsprozess inhärente Entscheidungslogik als rationaler und imaginativer Umgang mit »Utopie«, in der ständig Entscheidungen zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit, Innovation und Repetition, Affirmation und Revolte getroffen werden müssen und jede Entscheidung neue Alternativen produziert.

Gleichzeitig funktioniert diese dreidimensionale, körpernahe  Systematik als »konkrete Utopie« für neue architektonische Formulierungen so alter, elementarer Modalitäten wie dem Sitzen, Liegen und Stehen und als Versuchsanordnung zur realen Erfahrung sozialer Interaktionen in der Spannung zwischen Nähe und Distanz unter den Bedingungen zeitgenössischer Dichteverhältnisse und der Synchronizität heterogener Abläufe.

Die Anbindung des »utopischen Prinzips« an das alltägliche Erfahrungsspektrum sorgt dafür, dass etablierte Standards architektonischer Elementarfunktionen einem praktischen und dabei möglicherweise kritischen Vergleich unterzogen werden können und gibt gleichzeitig Raum und Zeit, um neue, möglicherweise »utopische« Funktionen und Erfahrungen zu testen. (Text: Christian Muhr)